Aktuelles

ETH Zürich entwirft Zukunftsbilder für das Kloster Ilanz

28 Studierende des Designstudios «Entwerfen am Baudenkmal» recherchierten Ende Februar auf Quinclas. Sie präsentieren ihre Ergebnisse Ende Mai.

ETH Zuerich Studierende im KLoster Ilanz Fruehjahr 2026
Im Bauplan-Lager gibt es für die Studierenden viel zu entdecken.

26. Februar 2026 – Es waren zwei ungewöhnliche Tage Ende Februar 2026 für die Ordensschwestern des Klosters Ilanz. In der gesamten Klosteranlage waren junge Leute zu sehen, auch innerhalb der «abgeschlossenen» Klausur, die üblicherweise den Dominikanerinnen vorbehalten ist. 28 Studierende der renommierten ETH Zürich waren gemeinsam mit ihren Lehrenden nach Ilanz gereist, um sich im grössten Graubündner Frauenkloster intensiv umzuschauen.

Ihr Ziel: Sie werden im Rahmen des Designstudios «Entwerfen am Baudenkmal» (einer wichtigen Lehrveranstaltung im Semester) konkrete Ideen für die mögliche Um- und Neunutzung des Klosterareals auf Quinclas erarbeiten. Man sah sie fotografieren und messen, Baupläne studieren und Marmorstrukturen «frottieren» – also mit Kohle auf Papier übertragen –, diskutieren und fachsimpeln.

«Vielleicht war es ganz gut, dass die Schwestern wegen einer Grippe eher im Hintergrund waren», schmunzelt Generalpriorin Sr. Annemarie Müller. «Wir sind Besuch in der Klausur nicht so gewöhnt.» Sogar zwei nicht bewohnte Schwesternzimmer standen offen, damit sich die Studierenden auch einen Eindruck von den privaten Räumlichkeiten der Bewohnerinnen machen konnten.

Faszination für «schwierige Objekte»

Prof. Dr. Silke Langenberg (Foto: ETH)

Warum sich die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich für das Kloster Ilanz interessiert, erläutert Silke Langenberg. Die ETH-Professorin leitet im Departement Architektur den Lehrstuhl für Konstruktionserbe und Denkmalpflege, der denkmalpflegerische und technologische Aspekte vereint. Gemeinsam mit den Architekten Stephan Bischof und Norbert Föhn, die ein Architekturbüro in Zürich leiten und aktuell auch an der ETH als Gastdozenten unterrichten, bietet sie das Designstudio zum zweiten Mal an, nachdem im vergangenen Semester schon das Kloster Einsiedeln im Fokus stand.

«Mich faszinieren ‹schwierige Objekte›, also Gebäude, bei denen nicht schon auf den ersten Blick klar ist, wie man sie in die Zukunft führen kann», erläutert Silke Langenberg. Die Abtei Einsiedeln etwa stehe als ein hochwertiges Monument des Barock in starkem Kontrast zu den eher nüchternen Anforderungen der Gegenwart – gar nicht so einfach, eine architektonische Brücke über die Jahrhunderte zu schlagen. 

Im Fall des mit 56 Jahren sehr jungen Architekturdenkmals des Klosters Ilanz sagt sie: «Ich sehe eine Herausforderung darin, dass der westliche Teil des Gebäude-Ensembles aus Schwesterntrakt, Kirche und Gästehaus – also der erste Bauabschnitt bis 1970 – eine wunderbare Einheit bildet. Es benötigt Behutsamkeit und Fingerspitzengefühl hier architektonisch einzugreifen.» Spontan könnte sie sich ein Schullandheim vorstellen, oder eine Art Zufluchtsort. Wie die Klosterschwestern ist auch sie gespannt, was sich die Studierenden ausdenken.

Abtei Einsiedeln Kloster Ilanz

«Wie eine Zeitreise in die 1960er Jahre»

Benjamin li und Jonas re ETH Zuerich im Kloster Ilanz
Jonas (links) und Benjamin nehmen ein Schwesternzimmer unter die Lupe…
… und erkunden anschliessend die Sicht vom Balkon aus.

Dazu fragen wir die Studenten Jonas und Benjamin. Sie haben sich viel Zeit für Fotos vom Balkon eines Schwesternzimmers genommen – was haben sie gesehen? «Wunderbare Stimmungen, die schöne Aussicht, eine spannende Hanglage», schwärmt Benjamin, der sich das Entwurfsstudio bewusst ausgesucht hat, weil er die Surselva bereits kennt. «Ein klar strukturierter, moderner, rationaler Bau, mit teilweise überraschend niedrigen Decken. Top aktuell!» Wie alle anderen in der Gruppe steht er kurz vor dem Abschluss seines Studiums und wurde daher für das Designstudio angenommen. Die Nachfrage sei gross gewesen, was für die Qualität des Kurses spreche.

Sein Kollege Jonas – die Entwürfe werden jeweils von zwei Studierenden gemeinsam entwickelt – meint: «Es ist wie eine Zeitreise in die 1960er Jahre. Mich beeindruckt, wie flach und weitläufig damals gebaut wurde. Das wäre heute schlicht unbezahlbar.» Die Grosszügigkeit des Sakralbaus sehen die beiden als enorme Chance für die weitere Nutzung. Noch haben sie kein genaues Bild vor Augen, aber die Freude an der architektonischen Beschäftigung mit dem Kloster Ilanz ist ihnen anzusehen.

Offene Türen und grosse Erleichterung

Auch Caroline Schweisgut freut sich über die Besuchenden aus Zürich. Für die Geschäftsführerin des Klosters Ilanz ist der Kontakt zur ETH sehr wertvoll. «Er öffnet uns neue Türen, wir werden wahrgenommen, mögliche Interessenten hören von uns. Es entstehen Ideen und Entwürfe, die sich gegenseitig inspirieren können. Das wird uns sicher dabei helfen, passende Investoren zu finden, die das Kloster Ilanz weiterentwickeln möchten – und auch können.» Der Entscheid, für das Kloster oberhalb der ersten Stadt am Rhein einen Käufer zu suchen, bedeute zwar, «dass wir Vertrautes loslassen müssen», fügt Sr. Annemarie an. Aber: «Er nimmt uns Schwestern auch grosse Lasten von den Schultern. Es ist doch besser, wenn sich Fachleute um die Nutzung von Gebäuden und die Belebung leerstehender Räume kümmern. Und wir können uns wieder stärker auf unser ‹Kerngeschäft› Gebet, Verkündigung und Spiritualität konzentrieren und in Ruhe gemeinsam alt werden.»

«Herausfinden, was das Gebäude werden will»

Leïa tauscht sich im ehemaligen Schwimmbad der Klosterschule mit Stephan Bischof aus, hinten Mara.

Das Kloster als gemeinsamer Lebensraum, als Heimat und Daheim: Dieser Aspekt ist Mara und Leïa besonders wichtig geworden. Als einzige in der Gruppe erstellen die beiden ihre Masterarbeit über das Kloster Ilanz. Daher waren sie bereits Anfang des Jahres für einige Tage im Kloster unterwegs und sind begeistert «von der wunderbaren, hellen und wohnlichen Atmosphäre». Trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – sei es wichtig, dem Gebäude nichts aufzuzwängen, was nicht zu ihm passt, betont Leïa: «Das Gebäude weiss, was es werden möchte. Die künftige Nutzung entsteht gewissermassen aus dem Bauwerk selbst heraus.»

Da ist sie wieder, die Behutsamkeit, von der auch ihre Professorin spricht. «Es ist wichtig, die Geschichte und die ursprüngliche Aufgabe des Anwesens zu respektieren», ergänzt Mara: «Es war und ist das Zuhause von vielen Schwestern.» Diesem Anspruch wollen sie mit ihrem Entwurf gerecht werden, natürlich ohne die wirtschaftliche Situation oder die denkmalpflegerischen Bedingungen ausser Acht zu lassen. Eine grosse Aufgabe für die jungen Leute – genauso wie für mögliche Investoren und Projektentwickler.

Es bleibt also spannend auf Quinclas oberhalb von Ilanz.